Die SP hat den Entwurf für das neue Parteiprogramm veröffentlicht. Es ist gewissermassen die Stunde der Wahrheit – die SP kehrt damit ihre innersten Überzeugungen nach aussen, ist quasi nackt und versteckt sich nicht hinter dem alltäglichen Schlagabtausch.
Dank diesem Parteiprogrammentwurf ist mir bewusster denn je geworden, wie weit ich mit von der SP und ihren Ansichten entfernt habe – der Partei, die ich bisher am meisten gewählt habe. Ich möchte diese Distanzierung in drei Hauptkritikpunkten erläutern:
Die Vision, von der sie selbst nicht überzeugt ist
Ein zentraler Teil des Parteiprogramms widmet sich der Demokratisierung der Wirtschaft. Unternehmen sollen sich als Genossenschaften organisieren, und Mitarbeiter sollen ein Mitbestimmungsrecht haben, lauten zentrale Forderungen. Fragt man jedoch Unternehmer und Verwaltungsräte in der SP, finden sie solche Ideen für ihre eigenen Unternehmen nicht tauglich. Nach Vordenkern, die von diesen Ideen restlos überzeugt sind, sucht man vergebens.
Die SP wollte die alte Floskel «Überwindung des Kapitalismus» ausformulieren und den Weg dahin aufzeigen. Dabei ist nun zum Vorschein gekommen, dass es sich eben doch nur um eine Floskel, eine Illusion, oder gar eine Lebenslüge handelt. Eine Vision, von der man selbst nicht überzeugt ist, ist keine Vision.
Die Überzeugungen
Hingegen hat die SP andere, unerschütterliche Überzeugungen. Ideen, von denen sie so überzeugt ist, dass sie sie gar nicht als Vision wahrnimmt und sie niemals in Frage stellen würde. Sie muss sie deshalb im Parteiprogramm auch nicht ausführlich erklären. Sie sind einfach da, als Selbstverständlichkeit:
- Recht auf Arbeit: Für die SP ist Erwerbsarbeit Bedingung für ein selbstbestimmtes Leben. Um jedem ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, muss jedem ein Arbeitsplatz geschaffen werden. Das Recht auf Arbeit soll gar zum «einklagbaren sozialen Grundrecht fortentwickelt» werden. Dass sie damit jenen, die auf dem Arbeitsmarkt trotz allem keinen Erfolg haben, das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben abspricht, scheint sie dabei zu ignorieren.
- Wirtschaftswachstum: Um dieses Recht auf Arbeit umzusetzen, braucht es Wirtschaftswachstum auf ewige Zeiten. Da die SP dabei aber das Umwelt- und Ressourcenproblem entdeckt hat, fordert sie (wie clever!) die «vollständige Abkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch». Sie hat Cleantech entdeckt als Allheilmittel, das gleich zwei Probleme auf einmal lösen soll: Wirtschaftswachstum und Umweltschutz. Ob mit Cleantech wirklich eine solche Wertschöpfung möglich ist, steht für die SP ausser Frage.
- «Vorsorgende Sozialpolitik»: Weil eine Arbeitsstelle für die SP alles bedeutet, glaubt sie verhindern zu müssen und zu können, dass manche Personen aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden oder den Weg dahin schon gar nicht schaffen. Mit einer «vorsorgenden Sozialpolitik» soll es praktisch jedem möglich sein, einer anständig bezahlten Arbeit nachzugehen. Ob sich die Leute vom Staat so beschützen lassen wollen und ob die Leute mit einer solchen Arbeit wirklich glücklich werden, solche Fragen stellen sich für die SP nicht.
Kann ich jemals noch SP wählen, wenn ich diese Grundüberzeugungen nicht teile?
Das Unerwähnte
Am meisten sagt aus, was nicht gesagt wird. Im Parteiprogrammentwurf fehlen meines Erachtens wichtige Themen. Eine Auswahl:
- Rationalisierung: Wird mit keinem Wort erwähnt. Verträgt sich wohl nicht mit der Arbeitsplatzgläubigkeit.
- Jugend: Kommt nur im Zusammenhang mit den 68ern, dem Arbeitsmarkt und dem Stimmrechtsalter vor. Es sind keinerlei Hinweise auf eine Jugendpolitik erkennbar.
- Kriminalität, körperliche Gewalt, Bestrafung, Strafrecht: Nur die organisierte Kriminalität und internationale Strafgerichte werden erwähnt. Zudem steht da ein recht lapidarer Satz: «Im Innern ist es selbstverständlich geworden, dass der Staat auch für die Sicherheit im Alltag und im innerhäuslichen Bereich Mitverantwortung trägt.»
- Kunst, Kulturförderung, Kreativitätswirtschaft, Urheberrecht, geistiges Eigentum: Bleiben unerwähnt.
- Sozialhilfe: Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wie die Sozialhilfe ausgestaltet werden soll.
- Sucht, Alkohol, Drogen, Drogenhandel: Fehlanzeige.
- Religion, Kirchen, Islam: Die Ausführungen beschränken sich auf Religionsfreiheit.
- Internet, Journalismus, Medien: Lediglich die Pressefreiheit wird floskelhaft abgehandelt. Auf die laufenden Umwälzungen wird nicht eingegangen, das Internet scheint nicht zu existieren.
- Datenschutz, Privatsphäre: Ist ebenfalls kein Thema.
- «Festung Europa», Wirtschaftsflüchtlinge, Asylpolitik: Es wird lediglich erwähnt, dass «die Durchlässigkeit der Grenzen […] politisch gestaltet und ausreichend reguliert» werden soll. Über das Wie schweigt sich das Parteiprogramm aus.
Unglaublich, nicht? Ich verstehe, dass ein Parteiprogramm nur ein paar wenige Grundsätze aufzeigen kann und keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat. Aber: Ist es möglich, Grundsätze zu erarbeiten und zu erörtern, ohne auf solch zentrale Themen Bezug zu nehmen?


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