Mrz 20
Ist doch toll, jetzt kann man wieder einmal auf alle liebgewonnenen Feindbilder einschiessen: Die katholische Kirche, die 68er, die Reformpädagogik, die linken Schriftsteller: Sie vertuschen, sie wiegeln ab, sie verharmlosen, sie nehmen die Täter in Schutz.
Indem man mit dem Finger auf die anderen und sich selbst «schockiert» zeigt, kann man sich ganz einfach davon ablenken, dass man selber vielleicht auch schon unsicher war im Umgang mit Kindern, dass Übergriffe jedem passieren können und in jeder Organisation vorkommen können, handelt sie noch so konsequent und professionell. Man kann sich ganz einfach als Anwalt der Opfer aufspielen und lückenlose Aufklärung, Verfolgung und harte Strafen fordern.
Betroffene Ernst zu nehmen und zu schützen, hat damit aber nichts zu tun.
Sep 29
Samantha Geimer, als 13-Jährige Vergewaltigungsopfer von Roman Polanski, schrieb 2003:
Um ehrlich zu sein, war die Aufmerksamkeit des Publikums derart traumatisch, dass die eigentliche Tat im Vergleich längst verblasst ist.»
Wir brauchen ein Justizsystem, das dem Opfer (und potenziellen weiteren Opfern) hilft, und keines, das das öffentliche Voyeur- und Rache-Bedürfnis befriedigt. Und ja, natürlich eines, das dann für alle gilt.
(Quelle Tages-Anzeiger)
Sep 28
Ganz selten kommt es vor, dass ein Kinderschänder ein Gesicht in der Öffentlichkeit hat. Wenn es passiert, dann ist man plötzlich erstaunt, dass es gar nicht wie ein Monster aussieht, sondern vielleicht zu einem sehr freundlichen Familienvater und erfolgreichen Regisseur gehört, der sich 30 Jahre nichts mehr zu Schulden kommen liess. Und man ist empört, dass die Gesetze, die man doch für Monster gemacht hat, auch für den netten Herrn gelten.
Roman Polanski floh aus den USA, weil ihm dort eine lebenslängliche Gefängnisstrafe drohte. Wann lernen wir, dass solch drastische Strafen niemandem etwas bringen? Kürzere Strafen bringen oft mehr – und in diesem Fall hätten sie auch vollzogen werden können.
Jul 02
Die Zürcher Beratungsstelle Castagna hat letztes Jahr 1115 (!) Mädchen und Frauen, die sexuell missbraucht worden sind, beraten. Natürlich war diese Nachricht den Zeitungen wieder einmal nur eine Randnotiz wert, wenn überhaupt. Sie zerren lieber einzelne Fälle auf die Frontseite – am liebsten mit ausländischen Jugendbanden als Tätern. So funktioniert der Entrüstungsjournalismus.
Und wenn es dann wieder einmal soweit ist, sind die Politiker nicht weit, die verlautbaren, sexueller Missbrauch sei das Schlimmste, was man einem Kind antun könne. Politiker, die ein Bild von Monstern zeichnen und drakonische Strafen für die Pädokriminellen fordern – am liebsten lebenslängliche Verwahrung ohne Überprüfung. Nur die Todesstrafe wagen sie noch nicht zu fordern. So funktioniert die Entrüstungspolitik.
Und wie sie funktioniert!: Niemand wagt zu widersprechen. Wer will schon Partei für die Monster ergreifen? Alle wollen sich auf die – vermeintliche – Seite der unschuldigen Kinder schlagen. Nur: In der Realität tun sie mit dieser Vermonsterisierung der Täter keinem Kind einen Gefallen.
Sexuelle Ausbeutung geschieht laut Castagna in den allermeisten Fällen im Familien- und engen Bekanntenkreis. Die Täter sind oft geschätzte, ja beliebte Personen. Welche Auswirkungen hat das nun, wenn pädosexuelle Täter als Monster gelten? Als Monster dazustehen, ist nicht nur für den Täter wohl ein traumatisches Erlebnis – sondern auch für seine Umgebung. Die Familie und Bekanntschaft hat das Interesse, nicht als Monsterfamilie dazustehen. Dadurch erhöht sich der psychische und soziale Druck zum Wegschauen enorm. Darum können Missbrauchsfälle jahre- oder jahrzehntelang unter dem Deckel gehalten werden. Eine Mauer des Schweigens umgibt die Kinder. Dabei ist es genau das, das Wegschauen, das bekämpft werden muss.
Eine pädokriminelle Tat weckt Emotionen. Natürlich zurecht. Kinder verdienen den Schutz vor Übergriffen. Täter müssen streng bestraft unnd Rückfälle unterbunden werden. Eine Vermonsterisierung der Täter ist hingegen äusserst kontraproduktiv.
Mai 19
Braucht es ein Max-Havelaar-Siegel nun auch für Prostituierte?
Dez 04
Nachdem ich kundgetan habe, dass ich den Entscheid für die Unverjährbarkeit von «pornographischen Straftaten» an Kindern für keinen guten Entscheid halte, möchte ich auf die konstruktive Ebene wechseln: Wie, wenn nicht mit Unverjährbarkeit, kann man unsere Kinder schützen?
Erst mal: Die allermeisten Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern geschehen durch nahe Bekannte: Eltern, Onkel, Lehrer, Musiklehrer, Trainer, Jugendleiter usw. – relativ enge Bezugspersonen des Kindes.
Es gibt Massnahmen, die beim Täter ansetzen:
- Hohe Gefängnisstrafen für überführte Täter zur Abschreckung und Bewusstseinsbildung, dass sexuelle Übergriffe keine Kaveliersdelikte sind.
- Konsequente Überprüfung der Vergangenheit bei der Einstellung von Lehrern, Trainern und anderen Personen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben – damit Täter nicht einfach den Ort wechseln können, wenn es an einem Ort brenzlig wird.
- Keine Überzeichnung der Täter zum Monster, sondern Ausbau der Hilfestellung für potenzielle Täter, so dass mehr Personen mit einer entsprechenden Veranlagung Unterstützung holen, bevor es zur Tat kommt.
- Kindern klare Grenzen aufzeigen und unmissverständlich einschreiten, wenn sie Grenzen verletzen – erschreckend viele der Täter sind selber Kinder oder Jugendliche.
Dann gibt es Massnahmen, die bei den Opfern ansetzen:
- Unbenennende Prävention im Kindergarten und in der Schule, bei der die Kinder lernen, Stopp zu sagen, wenn ihnen etwas nicht passt, und sie lernen, dass ihr Körper ihnen allein gehört.
- Frühe, altersgerechte Aufklärung, damit die Kinder benennen können, was mit ihnen geschieht.
- Die Kinder immer ernst nehmen und gut zuhören.
- Das Kind gute Körperkontakte erfahren lassen.
Und schliesslich sollte man auch im Umfeld ansetzen: Das gesamte Umfeld des Kindes für das Thema sensibilisieren und aufrufen zum Wachsam bleiben. Jedoch auch dafür sensibilisieren, wie wichtig gute Körperkontakte sind.
Grundsätzlich ist man damit auf einem guten Weg. In den letzten Jahren wurden grosse Fortschritte gemacht. Es bleibt aber noch viel zu tun. Die Unverjährbarkeit wird dabei nichts nützen.
Nov 30
Sorry, dass es jetzt sehr unappetitlich wird. Doch jetzt muss man die Dinge mal benennen.
Nathalie Rickli, SVP-Nationalrätin und Befürworterin der Unverjährbarkeitsinitiative, die aus folgendem Halbsatz besteht: «Unverjährbarkeit der Strafverfolgung und der Strafe bei sexuellen und bei pornografischen Straftaten an Kindern vor der Pubertät» sagt:
Sexueller Missbrauch ist das Schlimmste, was man einem Kind antun kann.»
Was versteht ihr denn unter «pornographischen Straftaten» bzw. «sexuellem Missbrauch»? Was ist denn schlimmer als oder gleich schlimm wie Mord?
- Ein Baby an den Geschlechtsteilen berühren, um es zu waschen / eine Salbe aufzutragen?
- Ein Kleinkind an den Geschlechtsteilen berühren, ohne äusserlichen Zweck?
- Ein Kind zusehen lassen, wie man masturbiert?
- Einem Kind beim Duschen zuschauen?
- Ein Kind beim Duschen filmen?
- Ein Kind das Glied des Mannes anfassen lassen?
- Den Finger in die Scheide des Mädchens einführen?
- Das Kind zum Oralsex drängen?
- Das Kind vergewaltigen?
- Das Kind regelmässig vergewaltigen?
- Das Kind vergewaltigen und es zur Geheimhaltung unter grossen psychischen Druck setzen?
Vom 2. Punkt an handelt es sich m.E. um einen Übergriff, spätestens sicher ab dem 5. Punkt handelt es sich um sexuelle Ausbeutung. Aber: Vergleichbar mit Mord sind allenfalls die letzten beiden. Diese Verbrechen können durchaus auch zu Suizid führen.
Daher ist für diese letzten Fälle eine zu Mord vergleichbare Bestrafung und Strafverfolgung angemessen, und weil sich das Kind zuerst emanzipieren muss, auch eine verlängerte Verjährungsfrist.
Für alle Übergriffe Unverjährbarkeit gelten zu lassen, wie es die Initiative zu verlangen scheint, und sie mit Mord zu vergleichen, wie es Nathalie Rickli tut, ist absolut unverhältnismässig und im Falle von Rickli reiner Populismus.
Nov 30
Überraschung? Nein. So kommt es raus, wenn 90% der Bevölkerung aufgrund der vielen Vorlagen weniger als 2 Minuten sich mit dem Thema befasst.
Praktisch niemand hat sich darüber Gedanken gemacht, was das Prinzip der Verjährbarkeit für einen Sinn macht.
Und für Politiker ist es höchst unpopulär, sich gegen übertriebene Bestrafung und Strafverfolgung von Tätern und mutmasslichen Tätern stark zu machen.
Das (in diesem Fall) selbst verschuldete unmündige Volk hat einen Entscheid getroffen.
Sep 28
Pornofilme werden auf Plattformen wie YouPorn frei und gratis zugänglich gemacht. Jugendliche schicken sich die Filmchen von Handy zu Handy zu. Jugendliche, die heutzutage ohne Pornos aufwachsen, gibt es praktisch nicht mehr.
Dieser rasche Wandel besorgt die Leute. «Pornografie im Internet und anderen neuen Medien» ist die Sorge Nr. 1 im Sorgenbarometer 2007 des Konsumentenforums. Pornografie wird mit den von den Medien gehypten Missbrauchsfällen (die nur ein ganz kleiner Anteil der Missbrauchsfälle zwischen Jugendlichen und Kindern darstellen – die anscheinend niemanden interessieren) in Verbindung gebracht. Obwohl ein Zusammenhang zwischen Pornokonsum und Gewalt alles andere als wissenschaftlich erhärtet ist, ist es klar, dass die Politiker da auf den Zug aufspringen.
Die Krux ist nur: Die Politik ist machtlos. Weiterlesen »
Aug 28
Wenn wir im November über die Volksinitiative “Für die Unverjährbarkeit pornografischer Straftaten an Kindern” abstimmen, müssen wir dann wie in Leipzig auch mit einem Aufmarsch von rechts rechnen?
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