Ich bewundere Ihre Bereitschaft, sich zu exponieren. Das Land braucht Leute, die in der Öffentlichkeit zu schwierigen Themen intelligent und verständlich Stellung beziehen und nicht einfach im Mainstream schwimmen. Dafür gebührt Ihnen Dank.
Jedoch scheint mir, dass Sie sich in der «Burka-» und Kopftuchdebatte etwas in die Nesseln gesetzt haben. Grundsätzlich verstehe ich die Argumentation für ein Kopftuchverbot an Schulen aus einem laizistischen Standpunkt heraus. Ich teile Ihr Anliegen, dass Kinder nicht in religiöse, sexuelle oder andere Schemen gepresst werden sollen. Sie sagen: «Kinder sollen möglichst frei sein von religiöser Programmierung.» Damit bin ich absolut einverstanden. Jedoch liegen Sie meines Erachtens in vier Punkten daneben:
Sie definieren Kinder als Unter-18-Jährige und sprechen ihnen praktisch jegliche Mündigkeit ab. Sie übersehen, dass Jugendliche in vielen Bereichen schon früh viel Verantwortung für sich und andere übernehmen. Ab 10 sind sie strafmündig, können also von Richtern für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden. Mit 14 lässt man sie mit einem Traktor auf die Strasse. Mit 16 können sie Sex haben mit wem sie wollen, sogar gegen Geld. Einige werden Gruppenleiter im Jugendverband, babysitten oder übernehmen anderswo Verantwortung für Jüngere. Und Sie behaupten: «Kein Kind trägt die Kopfbedeckung freiwillig», und beziehen das auf Unter-18-Jährige. Und weiter: «Sie möchten Teil einer Gemeinschaft von Gleichen sein.» Sie irren. Jugendliche in der Pubertät wollen zwar nicht ausgegrenzt werden, aber sich abgrenzen und zu einer eigenen Identität finden wollen sie sehr wohl. Manche finden Identität in der Hip-Hop-Kultur und kleiden sich entsprechend. Andere finden Identität in einer Religion und kleiden sich entsprechend. Beides ist ihr gutes Recht und findet sicher nicht nur unter Zwang statt. Klar, man kann sich auf den laizistischen Standpunkt stellen, dass Hiphopper wie Religiöse ihre Insignien nicht in die Schule mitnehmen sollen. Aber: Ihre Begründung ist falsch.
Sie sagen: «Kinder möchten so wie die andern Kinder sein» und verweisen auf den gruppendynamischen Druck auf Anpassung. Damit akzeptieren und legitimisieren Sie diesen Gruppendruck. Müssten wir die Kinder nicht vielmehr zu Toleranz erziehen und ihnen beibringen, dass man Andersartige nicht ausschliesst? Dunkelhäutige, übergewichtige, behinderte oder anders von der «Norm» abweichende Kinder können sich auch nicht einfach anpassen. Es ist nicht ok, wenn Kinder wegen ihrer Andersartigkeit ausgegrenzt werden. Und es ist noch weniger ok, wenn Erwachsene diesen Anpassungsdruck noch verstärken, so wie Sie das tun.
Sie stärken Stefan Kölliker und anderen konservativen (bis fundamentalistischen) Politikern den Rücken. Diese argumentieren aber nicht laizistisch wie Sie, sondern sind getrieben von der Angst vor der Islamisierung. Ihr Ziel ist nicht ein laizistischer Staat, sondern ein christlicher Staat. Sie wollen die Tradition bewahren und nicht die Kinder entscheiden lassen. Wenn sie von Integration reden, meinen sie komplette Assimilation. Klar, man könnte argumentieren, Sie könnten nichts dafür, wenn andere aus anderer Motivation die gleiche Forderung stellen. Aber: Sie setzen sich absichtlich mit solchen Leuten ins Boot. Sie grenzen sich nicht von Ihnen ab.
Wäre es Ihnen ernst mit dem laizistischen Standpunkt, müssten Sie sich gleichermassen auch gegen die Einflussnahme von anderen Religionen und Traditionen wehren. Unsere Gesellschaft, und auch die Schule, ist weit davon entfernt, die Kinder nicht religiös zu beeinflussen. Sie befürworten «eine Massnahme gegen den immer sichtbarer werdenden Islam in der Schweiz», aber das omnipräsente Christentum scheint Sie anscheinend nicht zu stören. Auch nicht, dass mit dieser Argumentation auch das Minarettverbot gerechtfertigt werden kann, das Sie doch so engagiert bekämpften. Die Glaubwürdigkeit Ihres Anliegens leidet darunter, dass Sie die Forderungen einseitig gegen muslimische Konservative richten und die christlichen Konservativen, die jüdischen Konservativen, die tamilischen Konservativen und alle anderen Konservativen unerwähnt lassen.
So bleibe ich leider mit dem Eindruck zurück, dass es Ihnen nicht wirklich um Laizismus und um die Rechte von Kindern und Jugendlichen geht, sondern einzig um die Bekämpfung von konservativen islamischen Vorstellungen. Schade.
Für mich ist klar: Jeder Mensch soll sich so kleiden dürfen, wie er will. Es soll nackt rumlaufen dürfen, und er soll totalverhüllt rumlaufen dürfen. Jeder Mensch soll selber über seinen Körper bestimmen können, und auch, wie viel er davon zeigt.
Aber: Ein totalverhüllter oder nackter Mensch soll keinen Anspruch darauf haben, dass ich ihn gleich behandle wie «angepasste» Menschen. Ich muss das Recht haben, jeglichen Kontakt zu einem nackten oder totalverhüllten Menschen zu verweigern, auch in der Funktion als Beamter oder Lehrer. Es muss keinem Lehrer zugemutet werden, ein Elterngespräch zu führen, ohne die Eltern zu Gesicht zu bekommen. Es darf zwar keine Diskriminierung aufgrund von Religion, Herkunft oder Aussehen geben – aber aufgrund von Kleidung schon, denn es kann jedem Menschen zugemutet werden, seine Kleidung dem Mainstream anzupassen. Religion hin oder her. Wer sich entscheidet, nackt oder mit Gesichtsschleier herumzulaufen, muss schwerwiegende Benachteiligungen in Kauf nehmen.
Dies ist mein Kompromissvorschlag für die «Burkadebatte». Deal?
Andere Artikel zum Thema
Dazu verweise ich gerne auf Ws Zusammenstellung und seine weiteren lesenswerten Artikel.
Kleidervorschriften kennen wir von Ländern wie Saudi Arabien, dem Iran oder früher auch Afghanistan. Wenn wir in der Schweiz Kleidervorschriften erlassen, begeben wir uns auf dasselbe tiefe Niveau wie diese Länder.»
Auch Minarettgegner Ulrich Schlüer spricht sich gegen «Burkaverbote» (obwohl ja eher Niqabverbote gemeint sind) aus. Das gleiche Argument hätte für religiöse Bauten zwar auch zugetroffen. Immerhin gibt es noch solche, die nicht jede Gelegenheit packen müssen, im trüben Teich zu fischen. Oder ist das nur ein Trick, um in der Kampagne um die Ausschaffungsinitiative als Stimme der Vernuft dazustehen?
Ich finde Fundamentalisten abstossend, seien sie nun christlich, muslimisch oder was weiss ich. Die Idee, auserwählt zu sein für ein Jenseits im Paradies, da man Regeln befolgt und an «Wahrheiten» glaubt, die Menschen vor Hunderten oder Tausenden von Jahren aufgeschrieben haben, finde ich ziemlich widerlich. Als gefährlich für die Gesellschaft oder den freiheitlichen Staat würde ich sie aber nicht einschätzen – ob sie nun Nicolas Blancho, Ivo Sasek oder Vitus Huonder heissen.
Noch widerlicher empfinde ich Leute, die sich zu Kämpfern gegen die Fundamentalisten und zu Verteidigern der Aufklärung und der individuellen Freiheit aufspielen, obwohl sie sich selbst nicht von diesen alten Zwängen befreit haben. Es sind die Scheinhumanisten. Sie haben keine Hemmungen, sich mit den christlichen Fundamentalisten zusammenzutun und im Kulturkampf, den sie als Verteidigung der Freiheit tarnen, eben genau diese individuellen Freiheiten und Menschenrechte aufs Spiel zu setzen.
Die SF Arena vom letzten Freitag bot ausgezeichnetes Anschauungsmaterial dazu. Aus der Argumentation der Scheinhumanisten (in Person von Oskar Freysinger, SVP VS, Gerhard Pfister, CVP ZG und Hans Lieberherr) habe ich 16 Vorwürfe herausdestilliert, die sie an Blancho richteten. Diese sind sicher teilweise berechtigt – aber unglaubwürdig aus den Mündern der Herren Freysinger, Pfister und Lieberherr. Daher ist es Zeit für ein paar Gegenfragen (bei denen es nicht darum geht, Blancho zu verteidigen, sondern um die Integrität und Glaubwürdigkeit der genannten Herren):
Vorwurf 1: Ablehnung von Sexualkunde und Evolutionslehre (Freysinger, 4:15)
Gegenfrage: Ist dies bei Christen kein Problem? Falls doch, ist dagegen auch bei Christen etwas zu unternehmen? Was unternehmen Sie konkret dagegen?
Vorwurf 2: Befürwortung der Polygamie (Freysinger, 4:30)
Gegenfrage: Wer lebt denn heute monogam in der Schweiz? Ist es denn fortschrittlich und freiheitlich, wenn der Staat vorschreibt, welche Beziehungen zwischen erwachsenen Menschen erlaubt sind? Wieso soll Polygamie ein Problem sein?
Vorwurf 3: Ablehnung der Homosexualität (Freysinger, 4:30)
Gegenfrage: Wie ist denn Ihre Einstellung zur Homosexualität? Sie selbst warfen in einer Interpellation der Aids-Hilfe vor, für Homosexualität zu werben – ist Homosexualität also in Ihren Augen unmoralisch? Denken Sie, dass gläubige Christen ein kleineres Problem haben mit Homosexualität wie gläubige Muslime?
Vorwurf 4: Rechtfertigung von häuslicher Gewalt (Freysinger, 4:30 und 5:30)
Gegenfrage: Distanzieren Sie sich denn von jeglichen Körperstrafen in der Erziehung? Also auch z.B. von den Aussagen von Hans Fehr, der in «Leben Live» am 17.4.2007 Körperstrafen rechtfertigte? Und Ihre Wählerschaft auch?
Vorwurf 5: Provokativer visueller Auftritt (Brennwald, 13:10), Besetzung des öffentlichen Raumes (Freysinger, 17:00)
Gegenfrage: Soll in einem freiheitlichen Staat nicht jeder sich so kleiden und frisieren dürfen, wie er möchte, ohne deswegen angefeindet oder diskriminiert zu werden? Ist es denn in einem freiheitlichen Staat angemessen, dass christiche Gemeinschaften ein Monopol auf die Besetzung des öffentlichen Raumes haben?
Vorwurf 6: Konservatives Familien-/Rollenbild, fehlende Emanzipation (Einspieler, 15:25)
Gegenfrage: Lehnen Sie dieses traditionelle Rollenmodell ab? Fördern Sie ein egalitäres Rollenmodell?
Vorwurf 7: Im Islam gibt es einen kollektiven Druck, bei uns ist der Glaube privatisiert (Freysinger, 17:30)
Gegenfrage: Worin unterscheidet sich der kollektive Druck in evangelikalen, strengkatholischen oder jüdisch-orthodoxen Kreisen von jenen in fundamentalistisch-muslimischen Kreisen? Im Ihrem Kanton Wallis gilt jedes neugeborene Kind automatisch als Katholik – ist das mit einem privatisierten Glauben vereinbar? In Ihrem Kanton Wallis muss jeder, der keine Kirchensteuern zahlen will, jedes Jahr eine Anpassung der Steuern verlangen – ist das mit einem privatisierten Glauben vereinbar? Bekämpfen Sie diese Regelungen? Wieso ist nicht jedes Kind so lange konfessionslos, bis es selbst einer Religionsgruppe beitritt? Wieso müssen in vielen Kantonen Unternehmen Kirchensteuern zahlen?
Vorwurf 8: Scheidung, wenn die Frau zum Christentum wechseln würde (Freysinger, 20:10)
Gegenfrage: Wäre es denn für Sie kein Problem, wenn Ihre Frau zum Islam konvertieren und sich nach dem Koran richten würde? Ist es Aufgabe eines liberalen Staates, Ehen zu schützen?
Vorwurf 9: Nicht-Akzeptanz von anderen Weltvorstellungen, Missionierung/Bekehrung von «Ungläubigen» (Pfister, 23:15), Überzeugungen anderen aufzwingen (Pfister, 24:00)
Gegenfrage: Wie viele male wurden Sie schon von muslimischen Missionaren angesprochen? Und wie viele Male von christlichen? Wie viele Male von christlichen Plakaten, und wie viele Male von islamischen Plakaten? Teilen Sie die Einschätzung nicht, dass Christen immer noch viel offensiver am Missionieren sind?
Vorwurf 10: Kein Tatbeweis zur Akzeptanz der Rechtsordnung (Pfister, 23:20 und Freysinger, 31:45)
Gegenfrage: Ist das nicht eine – rechtsstaatlich unerlaubte – Umkehrung der Unschuldsvermutung in eine Generalverdächtigung, wenn jemand zuerst beweisen soll, dass er den Rechtsstaat akzeptiert? Wie soll er diesen Tatbeweis erbringen? Haben Sie selber einen solchen Tatbeweis in irgend einer Weise erbracht?
Vorwurf 11: Keine Distanzierung von Steinigungen und Frauenbeschneidungen (Pfister und Freysinger, 24:45)
Gegenfrage: Und wie steht es um die Verwahrungsinitiative und die Ausschaffungsinitiative, die sich ebenfalls nicht mit den europäischen Menschenrechten übereinbringen lassen – distanzieren Sie sich davon? Verlangen Sie auch eine Distanzierung der Bischöfe vom Kondomverbot des Papstes?
Vorwurf 12: Keine Beugung den gesellschaftlichen Regeln, Gebetszeiten im Militär (Brennwald/Pfister, 27:45)
Gegenfrage: Ist es in unserer Demokratie nicht das Recht jedes einzelnen, sie für die Anpassung der gesellschaftlichen Regeln zu engagieren?
Vorwurf 13: Bild von Osama Bin Laden (Pfister, 57:20)
Gegenfrage: Ist ein Bild von Osama Bin Laden schlimmer als ein Bild von Che Guevara, Slobodan Milosevic oder George W. Bush (alle drei haben ausserhalb der Schweiz Menschenrechte verletzt)?
Vorwurf 14: Islam will eine Monokultur erreichen (Freysinger, 46:40)
Gegenfrage: Bekennen Sie sich denn zur multikulturellen Schweiz?
Vorwurf 15: Rechte von Christen in muslimischen Ländern (Lieberherr, 1:07:00)
Gegenfrage: Kann denn eine Ungerechtigkeit durch eine andere Ungerechtigkeit gerechtfertigt werden? Entspricht dies einem schweizerischen Rechtsverständnis?
Vorwurf 16: Der Islam hat keine Entwicklung der Aufklärung durchlaufen (Freysinger, 1:10:00)
Gegenfrage: Hat denn die katholische Kirche weltweit die Aufklärung durchlaufen?
Da die St. Galler Rheintaler sowieso schon seit Wochen mein Blog stürmen, kann es nicht schaden, mich auch noch in den Rheintaler Kopftuchstreit einzumischen. Dort wird nämlich über einen Fall an der Oberstufeschule Mittelrheintal in Heerbrugg gestritten, bei dem einer 15-jährigen Schülerin verboten wird, mit dem Kopftuch zur Schule zu gehen. Ich könnte jetzt wieder ein Voting machen, welches denn das absurdeste Argument für ein Kopftuchverbot sind, aber ich sehe diesmal davon ab, da es der Diskussion nicht dient. Absurd oder zumindest unüberlegt sind die Argumente in meinen Augen aber gleichwohl:
Unsere Regeln (wie dieses Verbot von Kopfbedeckungen im Unterricht) gelten für alle! Ich bin sicher, dass in anderen Fällen Ausnahmen gemacht würden. Käme ein Kind von einer Chemotherapie und wünschte sich eine Kopfbedeckung, um die Glatze zu kaschieren – der Schulleiter wäre ganz bestimmt nicht vor der Schulzimmertür gestanden und hätte den Eintritt verweigert. Es stimmt also nicht, dass eine solche Regel für alle gilt. Die Frage ist, ob sie für Mädchen mit Kopftüchern gilt (obwohl sie ursprünglich für Jungs mit Baseballcaps gemacht wurde).
Die Muslime müssen den Rechtstaat anerkennen! Ja, das müssen sie. Eine Schulordnung ist aber nicht der Rechtsstaat, und dieser hängt auch nicht von einer Schulordnung ab. In einem Rechtsstaat gibt es auch die Möglichkeit, Regeln, die nicht mehr für sinnvoll erachtet werden, in Frage zu stellen und zu ändern. Mit einer Schulordnung in Konflikt zu geraten, kann auch einer urschweizerischen Familie passieren – dahinein eine Ablehnung des Rechtsstaates zu interpretieren, ist völlig unverhältnismässig.
Muslime haben sich uns anzupassen (nicht wir uns ihnen)! Wir haben in der Schweiz schon seit jeher eine kulturelle und religiöse Vielfalt. Das Land verträgt auch eine noch stärkere Vielfalt. Solange sich Muslime sich an die demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln halten, haben sie die rechtsstaatlich zugesicherte individuelle Freiheit, ihre Kultur so zu leben, wie es ihnen passt – so wie wir unsere Kultur so leben dürfen, wie es uns passt. Wir brauchen keine Assimilierung/Verbünzlisierung/Mainstreamisierung/Gleichmacherei.
Muslime müssen sich integrieren! Oftmals wird Integration mit Assimilation verwechselt. Eine kulturelle Andersartigkeit erschwert wohl manchmal Integration, ist aber eine leichte Hürde – vorausgesetzt, es ist auf beiden Seiten die Bereitschaft vorhanden, diese Andersartigkeit zu akzeptieren und tolerieren. Oftmals erschwert oder verhindert die Mehrheitsgesellschaft eine erfolgreiche Integration, weil sie der kulturelle Andersartigkeit mit Ablehnung und Ausgrenzung begegnet. So wie ein Hippie-Junge mit langen Haaren in eine Klasse integriert werden kann, kann auch ein Mädchen mit Kopftuch integriert werden.
Es muss verhindert werden, dass Mädchen unterdrückt werden! Ja, es soll für Gleichbereichtigung gekämpft werden. Gleichberechtigung findet aber im Kopf und nicht auf dem Kopf statt. Jungs werden auch Hosen aufgezwungen, obwohl sie vielleicht lieber Röcke tragen würden, wenn sie eine echte Wahl hätten. Unser Leben ist voller Zwänge. Man kann nicht jemand von einem Zwang befreien, indem man ihn einem anderen Zwang unterwirft. Freiheitliche, aufklärerische, humanistische Vorstellungen können wir nicht mit Regeln aufzwingen, wir müssen sie mit Argumenten vermitteln. Dies könnte am einfachsten in der Schule geschehen, jedoch werden Bemühungen für entsprechende Lehrinhalte bisher oftmals erfolgreich von genau jenen Leuten bekämpft, die bei einem Kopftuch am lautesten aufschreien: der konservativ-christlichen Mehrheit. Ausserdem sollten wir ein Mädchen, das zur Erkenntnis gelangt ist, dass es kein Kopftuch tragen möchte, kräftig unterstützen, dass ihr das Kopftuch nicht trotzdem aufgezwungen wird.
Uwe Backes’ Hufeisenschema des politischen Spektrums lässt sich auf das Spektrum des «islamisch-christlichen Kulturkampfes» adaptieren. Die sich bekämpfenden Pole sind sich gegenseitig näher als den Freidenkern in der Mitte. Passt irgendwie, nicht?
Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist. (Indianerweisheit)
Das Minarettverbot an sich wäre halb so schlimm. Schlimm ist die Art und Weise, wie es zu Stande gekommen ist. Es geht hier um eine systematische Stigmatisierung einer «Gruppe» von Menschen, die salonfähig geworden ist. Schlimm ist, dass ganz viele Leute über Muslime urteilen und sie als Gefahr für unsere Kultur ansehen, ohne dass sie solche Menschen persönlich kennengelernt haben. Schlimm ist, dass sie sich gegenseitig in ihrer kruden Sichtweise bestärken, indem sie nun in aller Öffentlichkeit und mit vollem Namen diese Stigmatisierung in allen erdenklichen Varianten vorantreiben. Schlimm ist, dass Empathie heute nichts mehr zählt. Es zählt nur noch das Urteil. Das Vorurteil.
Schade ist, dass das bisher kaum thematisiert wurde.
Der gestrige Club bot eine aussergewöhnliche Fülle an Zitaten mit Substanz – absolut sehenswert! Wenn nur Röbi Koller nicht immer dazwischengeredet hätte. Ich zitiere hier nur das Schlusswort von Doris Fiala:
Mit einem Augenzwinkern will ich Sie daran erinnern, Frau Onken, dass in einem Ihrer Nachbarkantone erst gerade vor 20 Jahren das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, und dass hie und da unsere Belehrungen anderen Kulturen gegenüber fast ein wenig überheblich sind, denn: Wir sind auch nicht ganz perfekt.
Minarette sind zu verbieten, weil sie ein (politisches, männliches, …) Machtsymbol darstellen. Minaretten eine Machtsymbolik zuzusprechen, Kirchtürmen, Hochhäusern, Schlössern (Gruss nach Rhäzüns), McDonalds-Säulen, grossen Autos, Hakenkreuzen (alles erlaubt) Machtsymbolik aber abzusprechen, ist bei klarem Blick nicht aufrechtzuerhalten. Ausserdem entstehen bei Symbolverboten unweigerlich Ersatzsymbole, die man auch laufend verbieten müsste.
Der Islam machte keine Aufklärung durch. Erstens war das maurische Spanien ein Ausgangspunkt der Aufklärung. Zweitens ist es unvorstellbar, dass auf dem religiös durchmischten Balkan (woher die meisten Muslime in der Schweiz kommen) die Aufklärung nur die Christen erreichte. Albaner, Bosniaken und Türken hatten die gleiche Aufklärung wie die Griechen und Schweizer. Die Aufklärung hatte (und hat weiterhin) natürlich einen riesigen kulturellen Einfluss auf die muslimische Welt. Zwischen 1957 und 1981 haben fast alle muslimischen Staaten die Schwelle von 50 % alphabetisierter Frauen erreicht (zum Vergleich: in Italien wurde das um 1882 erreicht). Entwicklung und Aufklärung geht Hand in Hand, darin unterscheidet sich die muslimische Welt kein bisschen von der christlichen. Christliche Entwicklungsländer sind auch nicht aufgeklärter. Und dass die Aufklärung bei den religiösen Führern noch nicht angekommen ist, gilt ebenfalls für das Christentum.
Es droht die Einfühung der Scharia. In Albanien, Kosovo, Bosnien, Türkei, Ägypten, Pakistan, Indonesien, Tunesien und anderen islamischen Ländern ist die Scharia nicht offizielles Gesetz. Auch unter den Muslimen in der Schweiz würde die Einführung der Scharia klar abgelehnt. Die Scharia ist ein Problem, aber keines in der Schweiz. Auch kein künftiges.
Wir bekämpfen die Frauenbeschneidung.Weibliche Genitalverstümmelung ist ein vormuslimische Tradition aus dem alten Ägypten. Sie wird von afrikanischen Einwanderern teilweise auch in der Schweiz praktiziert – auch von Nicht-Muslimen. Diese wird schon lange insbesondere von linker Seite bekämpft, zum Beispiel mit einer parlamentarischen Initiative von SP-Nationalrätin Maria Roth-Bernasconi. Das Minarettverbot trägt nichts dazu bei.
In islamischen Ländern kann man auch keine Kirchen/Kirchtürme bauen. Doch, man kann, in vielen Ländern, z.B. Kosovo, Türkei, Jordanien, Iran, Marokko, … Ausserdem wird eine symmetrische Ungerechtigkeit nicht zu einer Gerechtigkeit. Wollen wir uns wirklich Staaten ohne Religionsfreiheit zum Vorbild nehmen?
Recep Tayyip Erdogan sagte, Minarette seien die Bajonette der Muslime. Erdogan zitierte ein Gedicht. Ausserdem hat er sich längst vom radikalen Islam distanziert.
Es geht nicht, dass Muslime am Schwimmunterricht nicht teilnehmen. Schweizer Christen empörten sich vor 90 Jahren über das erste gemischtgeschlechtliche Strandbad in Wäggis. Das war nicht im Mittelalter. Natürlich müssen die Lehrpläne durchgesetzt werden. Aber mit ein wenig Geschichtskenntnis merken wir, dass das keine muslimische, sondern eine kulturelle Frage ist. Diese Kultur ist uns nicht fern.
Wer in der Schweiz leben will, muss unsere freiheitliche Grundordnung und unseren Rechtsstaat akzeptieren. Die Freiheit einschränken, um die Freiheit zu verteidigen. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
Der Islam macht keine Trennung zwischen Religion und Staat. Die Bibel auch nicht. Entscheidend ist, was die Schweizer Muslime machen. Diese machen eine Trennung zwischen Religion und Staat. Die vollständige Trennung von Religion und Staat haben aber die meisten Kantone noch immer nicht vollzogen. Sie wird verhindert insbesondere von vielen Minarettverbotsbefürwortern.
Muslime zwingen die Frauen unter die Burka. Es gibt keine einzige bekannte Burkaträgerin in der Schweiz. Vereinzelte Burkaträgerinnen in Genf oder St. Moritz sind Touristinnen.
Minarette stellen bei uns einen Fremdkörper dar. Jede Neuerung stellt erst mal ein Fremdkörper dar. Hätten unsere Ahnen sich so verschlossen gegenüber Einflüssen von aussen, würden wir immer noch in Pfahlbauten hausen. Dieses Argument trifft jegliche Sakralbauten und jegliche aussergewöhnliche Architektur.
Die Politiker nehmen das Volk nicht ernst. Dies ist der billigste Vorwurf jener, die undiffernzierte Schlagwort- und Schaumlägerpolitk betreiben, an jene, die sich ehrlich in mühsamer Kleinarbeit um tragfähige Lösungen der Probleme bemühen. Es werden grosse Anstrengungen unternommen, um die wirklichen Probleme zu bekämpfen. Es ist sehr bequem, selbst nicht zur Lösung der Probleme beizutragen, und einfach mit Vorwürfen um sich zu werfen.
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