Jun 17

Werden Kriminelle schon bald so aussehen?:

Wenn Unterhaltungskonzerne westlichen Regierungen einflüstern, wie sie die Gesetze machen sollen, dann kommt ein internationales Abkommen heraus, das Urheberrechtsverstösse (wie zu Beispiel der obige) zu kriminellen Taten machen will.

Mit dem Internet haben Kulturtechniken wie Remixing und Sharing einen grossen Stellenwert erhalten. Unterhaltungskonzernen ist dies ein Dorn im Auge, denn sie drohen überflüssig zu werden. Um dies zu verhindern, verhandeln die USA, die EU, die Schweiz und 10 weitere Staaten über ein Abkommen namens Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA), das noch dieses Jahr abgeschlossen werden soll. Nachdem jahrelang im Geheimen verhandelt wurde, wurde im April erstmals ein Entwurf veröffentlicht.

stopp-actaNGOs, Schwellenländer, Internetprovider, Auktionshändler, Bürgerrechtler und Netzaktivisten kritisieren den Abkommensentwurf scharf:

  • Mit der Verschiebung auf die internationale Ebene wird versucht, nationale Gesetzgebungsprozesse und Debatten zu umgehen. Auf nationaler Ebene wird dann argumentiert, das sei ein internationales Abkommen, bei dem man nicht aussen vor stehen könne. Die Regierungen geben die Verantwortung nach «oben» ab. Die Zivilgesellschaft hat fast keine Chance, eine öffentliche Debatte anzustossen – bei so trockenen Themen wie ACTA erst recht nicht. Solch undemokratisches Vorgehen nennt man neudeutsch «policy laundering».
  • Nichtkommerzielle Aktivitäten, die für den Zugang zu Wissen und Kultur, für Innovation und Meinungsfreiheit wichtig sind, werden in einen Topf geworfen mit kommerzieller Produktefälscherei und auch entsprechend verfolgt. So sollen am Zoll Laptops und andere digitale Geräte auf Vermutung hin nach urheberrechtlich geschütztem Material durchsucht und diese Geräte beschlagnahmt werden können. Die Umgehung von DRM (zum Beispiel, wenn ich einen gekauften Film auf das iPad kopieren will) soll verfolgt werden. Internet-Anbieter sollen in die Verantwortung genommen werden für das, was ihre Kunden tun. Sie werden zu Hilfspolizisten des Staates, die ihre Kunden überwachen und bei mehrmaligem Verstoss ihnen gar das Internet abstellen müssen. Ruinös hohe Entschädigungszahlungen sollen durchgesetzt werden und den Konzernen so neue Einkünfte bringen.
  • Es soll ein neuer Straftatbestand Beihilfe oder Anstiftung zu Urheberrechtsverletzungen geschaffen werden. Damit könnten im Extremfall sogar Verlinkungen bestraft werden.
  • Der ACTA-Entwurf sieht Sanktionen für Patentverletzungen vor, die den Handel von Generikamedikamenten in Entwicklungs- und Schwellenländern (und damit den Zugang zu Medikamenten für ihre Bevölkerung) einschränken können. Darum versucht Indien nun, eine Allianz von Staaten zu bilden, die gegen das ACTA-Abkommen sind.
  • Mit den ACTA-Verhandlungen werden die UN-Institution WIPO und die WTO absichtlich umgangen, weil die Vorschläge dort nicht mehrheitsfähig sind. Später sollen die Regelungen dann schrittweise weiteren Staaten aufgedrängt werden. Damit wollen die westlichen Staaten ihre Vorstellungen weltweit durchsetzen.

Die nächste ACTA-Verhandlungsrunde findet ab dem 28. Juni 2010 in Luzern statt. Darum plant die Piratenpartei an diesem Tag eine Kundgebung auf dem Bahnhofplatz Luzern (sowie am Tag zuvor in anderen europäischen Städten). Dort wird dann auch die Petition übergeben, die hier unterzeichnet werden kann. Wer hilft mit, ein Zeichen zu setzen?

Links zum Thema

Mai 24

Das Internet ist ein Dialogmedium. Es ermöglicht persönliche Gespräche wie am Telefon, die man aber so zugänglich machen kann wie eine Zeitung. Man könnte sich denken, dass sich die Politiker auf diese Möglichkeit stürzen und ihr Dialogfähigkeit und Basisnähe unter Beweis stellen wollen.

Leider ist dem nicht so. Ein echter Dialog zwischen Politikern und Bürgern findet im Internet bisher selten statt. Kaum ein Politiker lässt sich öffentlich auf kritische Fragen von Bürgern ein. Dies ist das Resultat meiner kleinen Surftour:

Parteiübergreifende Plattformen

Es haben sich verschiedene parteiübergreifende Webplattformen herausgebildet. Parteiübergreifende Plattformen sind meistens  kontroverser und damit auch unterhaltsamer als parteispezifische Plattformen.

  • NZZ Votum: Das scheint mir die älteste parteiübergreifende Dialogplattform zu sein. Eine kleine Auswahl von Politikern oder Experten wird jeweils eingeladen, zu einem aktuellen Thema zu «bloggen». Die meisten von ihnen zeigen sich an den Kommentaren jedoch gänzlich uninteressiert. Kadenz: sehr hoch: Kommentare: viele. Dialog: selten vorhanden.
  • Wahlbistro: An bisher drei Wahlen in Bern und Zürich wurde das Wahlbistro betrieben. Politiker und Bürger konnten gleichberechtigt zu vorgegebenen Themen Stellung beziehen. Es entstanden dadurch echte Dialoge zwischen Poltikern und Bürgern und zwischen Politikern verschiedener Parteien. Jedoch ist es schwierig, für eine so kurze Wahlkampfzeit eine Plattform bekannt zu machen, weshalb ich vermute, dass die Reichweite relativ bescheiden war. Kadenz: auf Eis gelegt. Kommentare: viele. Dialog: intensiv.
  • Politnetz: Sowohl Politiker wie Bürger können Themen lancieren, ihre besten Argumente einbringen und die Argumente der anderen kommentieren und bewerten. Während den Berner und Zürcher Kantonalwahlen haben sich viele Kandidaten beteiligt, und manche sind sogar weiterhin aktiv. National bekannte Politiker fehlen jedoch bisher. Obwohl die Plattform nicht optimal ist für längere Dialoge, finden solche zahlreich statt. Kadenz: hoch. Kommentare: viele. Dialog: intensiv.
  • Vimentis Dialog Eine neue, überparteiliche Blogplattform für Politiker, die bereits gut genutzt wird. Auch die Bestrebung ist gut: «Verwickeln Sie unsere Politiker in eine Diskussion!» Leider ignorieren die Politiker die entsprechenden Versuche von Kommentierern. Es droht dieselbe One-Way-Kommunikationswüste wie bei NZZ Votum. Kadenz: sehr hoch. Kommentare: viele. Dialog: Nicht vorhanden.
  • Links bis rechts: Die Präsidenten der Jungparteien bloggten gemeinsam, anscheinend auf Einladung von news1.ch. Konnte sich keine grosse Reichweite erarbeiten und wurde anscheinend eingestellt. Kadenz: auf Eis gelegt. Kommentare: wenige. Dialog: nicht vorhanden.

Plattformen der Parteien

Verschiedene nationale, kantonale und lokale Parteien versuchen auf unterschiedliche Weise, einen Dialog mit der Parteibasis und der Bevölkerung zu ermöglichen.

  • FDP: Die FDP betreibt verschiedene Blogs, manche davon nur während dem Wahlkampf. Auch auf ihrer neuen nationalen Website gibts einen. Jedoch werden sie von den meisten Politikern nur als Publikationskanal, nicht aber als Dialogplattformm genutzt. Auch die Facebook-Page nicht.
    • FDP Schweiz: Kadenz: mittel. Kommentare: wenige. Dialog: nicht vorhanden.
    • FDP Schweiz auf Facebook: Kadenz: hoch. Kommentare: wenige. Dialog: kaum vorhanden.
    • FDP Luzern: Kadenz: sehr hoch. Kommentare: wenige. Dialog: nicht vorhanden.
    • FDP St. Gallen: Kadenz: mittel. Kommentare: wenige. Dialog: kaum vorhanden.
    • FDP Bern: Kadenz: auf Eis gelegt. Kommentare: einige. Dialog: vorhanden.
    • FDP Biel-Seeland: Kadenz: auf Eis gelegt. Kommentare: keine.
  • SP: Auf lokaler Ebene findet man SP-Blogs, die wirklich für einen Dialog genutzt werden. Der nationale SP-Blog wurde wohl definitiv eingestampft bzw. durch die Facebook-Page ersetzt. Das Blog der SP Stadt Zürich findet man seltsamerweise weder über sp-zuerich.ch noch über spstadtzh.ch (und wieso gibts diese beiden Websites?).
    • SP Schweiz auf Facebook: Kadenz: hoch. Kommentare: einige. Dialog: vorhanden.
    • Juso: Kadenz: mittel. Kommentare: viele. Dialog: vorhanden.
    • SP Bern: Kadenz: mittel. Kommentare: wenige. Dialog: nicht vorhanden.
    • SP Zürich: Kadenz: hoch. Kommentare: wenige. Dialog: vorhanden.
    • SP Schaffhausen: Kadenz: sehr hoch. Kommentare: wenige. Dialog: selten vorhanden.
    • SP Uster: Kadenz: tief. Kommentare: wenige. Dialog: vorhanden.
    • SP Arlesheim: Kadenz: tief. Kommentare: wenige. Dialog: vorhanden.
  • Grüne: Auch auf grünen Blogs finden teilweise Dialoge statt.
  • CVP: Von der CVP habe ich keine Blogs gefunden ausser diesen, dessen Darstellung/Navigation irgendwie fehlerhaft ist:
  • SVP, BDP, EVP, GLP etc.: Scheinen das mit dem Online-Dialog auf Parteiebene aufgegeben oder noch nie versucht zu haben.

Persönliche Blogs von Politikern

Solche gibt es, jedoch eher vereinzelt, mit tiefer Reichweite und kaum mit kritischen Dialogen (jedenfalls nicht von national bekannten Politikern). Am ehesten scheint man einige auf Facebook in eine Diskussion verwickeln zu können.

Mai 07

Internet und Digitalfernsehen befreien die herkömmlichen Medien von ihren Fesseln: Keine Beschränkung der Anzahl Kanäle, keine Platzknappheit, keinen Zwang zu Linearität und Gleichzeitigkeit, keine Limitierung der Rückkanäle, keinen Zwang zu einem uniformen Massenprodukt, keine geografische Grenzen, keine so starke Trennung von Text, Ton und Bewegtbild mehr. Nur die alten Strukturen und Prozesse hindern die Medienunternehmen, diese bisher undenkbare neue Freiheit zu nutzen. Zwar machen alle irgendwas mit dem Internet. Aber glücklich mit dem Journalismus im Internet ist noch kaum jemand geworden. Nutzer werden zu Klickvieh degradiert, Journalismus wird boulevardisiert und googleoptimiert, die Öffentlichrechtlichen werden limitiert, Einnahmen werden trotzdem kaum generiert. Die Anzeigen finden eigene Kanäle, und die Gebühreneintreibung verliert durch das Internet und die Medienkonvergenz ihre Berechtigung noch vollends. Redaktionen werden zusammengeschlossen, Stellen und Qualität abgebaut, Nachrichtenagenturen sind ebenfalls vom Aussterben bedroht. Die Zukunft des Qualitätsjournalismus sieht wahrlich nicht rosig aus. Rettungsversuche mit Bezahlschranken auf Websites wie jene von Springer sind jämmerlich. Das iPad wird nicht der Heilsbringer für den Journalismus werden, den sich manche erhoffen.

Wie soll das nur weitergehen? Es ist Zeit für einen ziemlich radikalen Neuanfang. Fünf Ansätze für eine Neuordnung:

  • Distribution privatisieren und deregulieren. Mit dem Internet ist die Distribution sehr einfach und günstig und die Begrenzung der Kanäle aufgehoben worden. Produktion und Distribution sind voneinander unabhängig geworden. Die Distribution funktioniert auch ohne Subventionen und ohne gebührenfinanzierte Monopolsender. Die SRG sollte alle ihre Sender schliessen und die Distribution dem Internet und dem freien Markt überlassen.
  • Konvergieren, aber richtig! Eine heutige «Zeitungswebsite» oder «Fernseh-Website» ist wie ein frühes Automobil, das eine motorisierte Kutsche war. Im Internet braucht man weder eine Zeitung noch einen TV-Sender zu imitieren. Wenn man alle bisherigen Möglichkeiten mit den interaktiven und individualisierenden Möglichkeiten des Internets kombiniert, entsteht etwas ganz Eigenes, das auch eine eigene Marke braucht und kein Online-Ableger eines traditionellen Mediums sein kann. Text, Bild, Ton, Film und interaktive Visualisierung sind gleichwertige Basismedien mit je eigenem Einsatzbereich.
  • Gebührenmodell durch Steuermodell ersetzen. Der Staat sollte die Finanzierung von qualitativ hochstehendem Journalismus sicherstellen. Die Empfangsgebühren machten Sinn, als es nur SRG-Sender und nur ein Gerät pro Haushalt gab. Heute sind sie ein Anachronismus, denn ein empfangsfähiges Gerät hat mit tatsächlichem Empfang nichts zu tun. Die Einheitsgebühren pro Haushalt sollten aus Fairnessgründen durch geräteunabhängige, einkommensabhängige Steuern pro Kopf ersetzt werden.
  • Vierte Macht installieren und fokussieren. Journalismus hat eine ungeheuer wichtige Aufgabe im demokratischen Staat. Die Erfüllung dieser Aufgabe sollte nicht dem Zufall (dem Anzeigenmarkt) überlassen werden, sondern institutionell gestärkt werden. Die senderlose SRG könnte man in Redaktionen nach dem Vorbild von Pulitzerpreis-Gewinner ProPublica (jedoch steuerfinanziert) aufsplitten. Diese würden ihre journalistischen Erzeugnisse unter den privatisierten Sendern und Medienhäusern versteigern oder sie ihnen gratis anbieten. Auch die Nachrichtenagentur könnte mit Steuergeldern finanziert werden. Sportübertragungen und Unterhaltungssendungen braucht es aus politischer Sicht hingegen nicht. Diese können vollständig privat finanziert und produziert werden.
  • Mit freien Lizenzen veröffentlichen. Was durch Steuerzahler finanziert wird, sollte der Öffentlichkeit spätestens nach wenigen Tagen zur freien Verwendung überlassen werden, inklusive Rohmaterialien.

Aktuelle Artikel zum gleichen Thema:

Apr 27

Es gibt ja so viele grossartige Dinge im Netz – Unterhaltendes, Inspirierendes, Informatives, Anregendes. Wenn ich etwas toll finde, kann ich dies vielerorts in den Kommentaren kundtun. Und ich kann den Link dazu weiterverbreiten. Beides ist mit einem gewissen Aufwand verbunden. Man kann damit seine Wertschätzung zeigen – aber wirklich etwas davon haben tut der Urheber des grossartigen Dings nicht.

Bis jetzt. Ein neuer Micropayment-Dienst namens Flattr ist nun in der geschlossenen Beta-Phase, und wer sich sputet, kriegt vielleicht dafür noch einen Zugang. Flattr ermöglicht mir drei Dinge: Ich kann damit Wertschätzung zeigen, ich kann damit einen Link promoten, und: Ich kann den Urheber mit richtigem Geld unterstützen. Und jetzt kommt der Clou: Dies alles mit einem einzigen Klick! Ich finde das ein vielversprechender Ansatz.

Wer also einen Flattr-Account hat, darf mich ab sofort unterstützen – und im Gegenzug werde ich auf meinen Surftouren stets nach einem Flattr-Button Ausschau halten.

Übrigens, ja, es gibt auch noch Kachingle, bei dem Ronnie auf dem 4. und Frau Zappadong auf dem 9. Platz der deutschsprachigen Charts liegen. Jedoch habe ich Kachingle nicht eingerichtet, weil mich zwei Dinge stören: Es wird dabei quasi ein Surfprofil meines Surfverhaltens erstellt, und man kann nicht im Anschluss an das Lesen/Hören/Anschauen entscheiden, ob man einen Beitrag unterstützen möchte – sondern es werden einfach die Anzahl Besuche gezählt, die man auf einer unterstützten Website abstattet.

Feb 14

Wir sind alles nur Kopien. Unser Genom besteht aus der Neukombination des Genoms unserer Eltern. Die Natur kopiert, kombiniert, selektiert, kopiert, kombiniert, selektiert, … immer weiter. In seltenen Fällen kommt es zu «Fehlern» im Kopiervorgang: Mutationen. Aber in erster Linie sind unsere Körperzellen Kopiermaschinen für Gene.

Die über die Jahrtausenden entstandene menschliche Kultur evolviert ähnlich: Wissen, Ideen, Vorstellungen, Sprache und Stile werden von Person zu Person weitergegeben, also kopiert. Wir erhalten permanent von allen Seiten kulturelle Inputs, kombinieren diese neu und geben sie weiter. In seltenen Fällen haben wir eine Idee, die noch niemand vorher hatte. Aber in erster Linie sind wir Kopiermaschinen für Meme.

Kopie und Rekombination sind also quasi Naturgesetze und grundlegende Kulturtechniken. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war das Kopieren keinen Gesetzen unterworfen. Goethe und Mozart konnten sich noch fleissig bei Werken anderer bedienen. Erst ab dem späten 18. Jahrhundert begann sich die Vorstellung eines «geistigen Eigentums» langsam durchzusetzen. Seit 1886 (Berner Übereinkunft) bis zum Siegeszug den Internets war das Urheberrecht in der westlichen Welt praktisch unbestritten.

Unsere Computer sind Kopiermaschinen. Um ein Programm auszuführen muß es von einem Medium in den Speicher, vom Speicher in den Prozessor kopiert werden, ebenso alle Daten. Ergebnisse werden zurück kopiert. Der Befehlssatz eines jeden Rechners hat circa zehn Mal mehr Kopier- als Rechenbefehle.

Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ’senden eine Nachricht’, aber das Wort ist falsch. ‘Senden’ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den “Ab”-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger.

Das Wesen aller IT ist die Kopie. (Quelle)

Mit der Digitalisierung (fast kostenlose Erstellung von exakten Kopien) und dem Internet (fast kostenlose Verbreitung der Kopien) kommt das Urheberrecht stark unter Druck. Es wird als Behinderung der kulturellen Entwicklung wahrgenommen. Eine gute Dokumentation über die aktuelle Lage beim Urheberrecht ist «Good Copy Bad Copy»:

Aktuell geschehen absurde Dinge. Deutsche Verlage fordern ein diffuses Leistungsschutzrecht, mit dem sie Google dazu zwingen wollen, sie für Textanrisse zu vergüten. Springermedien verstecken ihren Inhalt vor ihren regelmässigen Kunden hinter einer Bezahlschranke – nicht aber vor jenen, die über Google auf die Seiten kommen. Helene Hegemann bedient sich bei Werken anderer, ohne diese Quellen anzugeben oder gar die Rechte einzuholen, und wird damit zum Literatur-Wunderkind erhoben. Plötzlich finden dies zahlreiche Verlage und Kommentatoren in Ordnung.

Zum Glück gibt es noch Leute, die verstehen, worum es geht. Zum Beispiel Peter Sunde, Mitbegründer von The Pirate Bay. Mit Flattr hat er ein Projekt gestartet, mit dem man mit einem Klick Autoren und Künstlern freiwillig etwas bezahlen können soll. Schaut selbst:

Denn: Das Kopieren wird nicht aufzuhalten sein. Das heisst aber nicht, dass Künstler und Autoren nicht vergütet werden sollen oder die Bereitschaft dazu fehlt. Und schon gar nicht, dass die wirklichen Urheber verschwiegen werden sollen.

Jan 23

Es gibt Vorstellungen, die werden so inflationär rezipiert, dass man dazu neigt, sie irgendwann selbst anzueignen, ohne sie noch kritisch zu hinterfragen. Eine solche ist jene von der «Kostenlos-Kultur im Internet». Dabei wird unterstellt, die Leute hätten sich daran gewöhnt, dass im Internet alles gratis zu haben ist. Um für Künstler und Autoren Einnahmen generieren zu können, müsse man die Leute umerziehen. Im Gegensatz zum mit dem vom PC zugegriffenen Internet habe die Benutzung von Mobiltelefonen schon immer etwas gekostet, darum sei die Akzeptanz für kostenpflichtige Angebote dort höher.

Dazu zwei Gedankenexperimente:

  • Das erste spielt am Bahnhof. (Internetsurfen mit Zugfahren zu vergleichen ist deshalb hier besonders geeignet, weil wir es uns erstens definitiv gewöhnt sind, für Zugreisen zu bezahlen, und zweitens, weil ein nicht zahlender Bahnkunde niemandem etwas stiehlt oder einen Zusatzaufwand verursacht, so wie ein Musikkonsument im Internet auch niemandem etwas stiehlt, sondern einfach mitbenützt.) Stell dir also vor du stehst auf dem Perron, und auf beiden Seiten steht ein Zug, der demnächst nach deiner gewünschten Zieldestination fährt. Der Zugverkehr ist komplett liberalisiert, und zwei sich konkurrierende Bahnunternehmen möchten mit Fahrgästen Geld erwirtschaften. Das Unternehmen des Zuges auf Gleis 1 setzt voll auf das Geschäftsmodell Werbung: Du kannst dich gratis transportieren lassen, musst dir aber während der ganzen Fahrt Werbebotschaften ansehen und anhören. Ausserdem ist der Zug schlecht gewartet, stickig, und die Aussicht auf einen Sitzplatz ist minim. Das Unternehmen des Zuges auf Gleis 2 setzt dagegen auf zahlende Kunden. Es werden nur Kunden mit Tickets eingelassen, dafür können diese eine angenehmere, werbefreie Fahrt auf einem Sitzplatz geniessen. Jedoch befindet sich der Ticketautomat im zweiten Stock eines 300 Meter entfernten Gebäudes, zu dem nur Erwachsene Zutritt haben. Welchen Zug würdest du wählen? (Bonusfrage: Welchen Zug würdest du wählen, wenn du beim Zug auf Gleis 2 den Fahrpreis gleich bar beim Einsteigen bezahlen könntest?)
  • Stell dir vor, es gäbe im Internet eine Site namens «Die grössten Schweizer Artikel». Dort erscheinen in einer ständig aktualisierten Rangliste jene journalistischen Texte, für die am häufigsten gevotet werden. Dein Internetbrowser hat neben der Adresszeile einen Vote-Button, mit dem du für die Seite (bzw. den Artikel) voten kannst, auf der du dich gerade befindest. Für jede Stimmabgabe werden deinem Bankkonto 20 Rappen belastet, die dem Autor des Artikels zukommen. Könntest du widerstehen, den Vote-Button zu betätigen, wenn du von einem Artikel begeistert bist?

Fazit: Es gibt keine «Gratiskultur». Es geht nicht um Akzeptanz, Gewohnheit und Erziehung. Es geht um andere Dinge: Um die Hürde für den Bezahlvorgang, um den Mehrwert des Angebots und um die Transparenz des Geldflusses. Punkt.

Dez 23

Es weihnächtelet sehr, auch im Internet:

10vor10 vom 22.12.2009

Nov 11

Dank Murdoch und Springer ist Paid Content, die Bereitstellung von journalistischem Inhalt gegen Bezahlung im Internet, wieder in aller Munde. Kann Paid Content den Journalismus retten? Ich finde, ein Versuch ist es Wert. Jedoch wird es nicht funktionieren, für das bisherige Angebot plötzlich Geld zu verlangen. Werden (abgesehen von inhaltlicher Qualität und Quantität) folgende Vorbedingungen erfüllt, könnte es klappen mit Bezahlinhalten:

  • Filter: Je mehr Information vorhanden ist, desto wichtiger ist, dass man leicht eine Auswahl treffen kann. Wir haben unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Geschmäcker, unterschiedliches Grundwissen, unterschiedliche Stimmungen und unterschiedlich viel Zeit und wollen deshalb ganz unterschiedliche Informationen erhalten. Was für den einen hochinteressant ist, ist für den anderen eine Störung. Die Online-Medienportale meinen aber immer noch, sie könnten einer riesigen Zielgruppe den gleichen Einheitsbrei verfuttern. Google News und Google Alert erlauben Individualisierung. Jedoch kann Google zur Individualisierung nur auf eine automatische Textanalyse und das Publikationsdatum zurückgreifen. Online-Medienportale hätten den Vorteil, dass sie weitere Filtermöglichkeiten wie Autorenschaft, Schwierigkeit, genaue thematische, zeitliche und örtliche Einordung, Text-/Videolänge und andere mehr zur Verfügung stellen könnten. Um für ihren Inhalt Geld zu verlangen, müssten sie diesen Konkurrenzvorteil ausnutzen.
  • Verlinkung: Durch Vernetzung entsteht Mehrwert. Wer nicht verlinkt und ergoogelt werden kann, schliesst einen grossen Teil der potenziellen Kundschaft aus. Wer komplett hinter einer Pay-Wall verschwindet, macht sich wohl selbst irrelevant. Google aussperren wird nicht den gewünschten Effekt bringen. Ein verlinkbarer, aussagekräftiger Abstract ist das Mindeste, das man bieten muss, wenn man aufgefunden werden will. Und umgekehrt ist es ein Dienst an der Kundschaft, wenn man externe Inhalte verlinkt. Die Kundschaft kehrt dorthin zurück, wo sie den interessanten Link gefunden hat.
  • Niederschwelligkeit: Mit einer hohen Abogebühr schreckt man die Kundschaft ab. Niederschwelliger wäre Micropayment für einzelne Artikel oder Tage. Der Bezahlprozess muss dabei aber fast unmerklich vonstatten gehen. Nach einem einmaligen Anmeldeprozess sollte ein einziger Klick in der Regel genügen für einen einzelnen Bezahlvorgang.
  • Allgegenwärtigkeit: Das Angebot muss genau dann und dort zugreifbar sein, wenn und wo man ungenutzte Zeit überbrücken muss: Im Zug, in einer Warteschlage, usw. Es sollte also auch für Mobilgeräte optimiert sein. Hier wurden in letzter Zeit Fortschritte gemacht. Wären die Texte auch als gesprochene Audiofiles abrufbar, würde das einen noch unverselleren Einsatz möglich machen.

Nov 02

…von möglichen 40 habe ich geschafft im Islam-Test von NCBI. Die Schule hat bei mir versagt. Wer schafft mehr? (Wikipedia gilt nicht!)

Sep 02

Die Einführung von Google Street View in den Schweizer Städten hat für eine gewisse Aufregung gesorgt. Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür zeigte sich einigermassen empört über die unzureichende Annonymisierung von Gesichtern und Kontrollschildern, ein kantonaler Datenschützbeauftragter einigermassen empört über den eidgenössischen Datenschutzbeauftragten, doch die meisten fanden die Aufregung darüber eher lächerlich und unnötig, schliesslich würden ja nur Dinge fotografiert, die von der öffentlichen Strasse aus sichtbar sind.

Das Problem ist, dass unsere Privatsphäre mit einer Salamitaktik Scheibchen für Scheibchen beschnitten wird. Die Scheibchen sind immer genau so gross, wie es der öffentliche Aufregungsmesser erträgt – so wie der Frosch im sich erhitzenden Wasser. Darum sollten wir uns überlegen, wohin uns die Reise führt.

Was wäre zum Beispiel, wenn man eine Bildersuche wie Bing oder Google Image, ein paar Webcams und ein Gesichtserkennungsprogramm, wie es beispielsweise in iPhoto eingebaut ist, zusammenbringt? Sprich: Ich tippe einen Namen, und die Suchmaschine liefert mir treffsicher alle Bilder aus dem Web und von Webcams, auf denen das Gesicht dieser Person zu erkennen ist. Falls es mehrere Personen mit gleichem Namen gibt, kann ich zuerst das richtige Gesicht auswählen. So wäre jedes geschossene Bild von mir, das den Weg ins Internet findet, für die ganze Welt unter meinem Namen auffindbar. Und umgekehrt könnte man zu jedem Bild von mir meinen Namen herausfinden. Zudem werden Bilder in Zukunft geotagged sein, der Aufnahmeort wird also mit dem Bild gespeichert. Ausser bei geschlossenen Rollläden in den eigenen vier Wänden könnten wir uns nirgends mehr unbeobachtet fühlen.

Die Technik ist bereits heute vorhanden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand die Hemmungen ablegt, sie auch in Tat umzusetzen. Heute wäre der Aufschrei gross – aber wie wird das in zehn oder zwanzig Jahren sein?

Google Street View ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommen wird. In Zukunft wird es ein Aufwand von Sekunden sein, den Namen eines vermeintlichen Dealers harauszufinden. Oder irgendeiner anderen irgendwie verdächtigen Person.